Ouvertüre – der Untersetzer übernimmt
Eigentlich wollten wir nur essen.
Dann lag da dieser Untersetzer.
Zwei Menschen von hinten. Ganz harmlos nebeneinander. Fast romantisch.
Bis man die Hand entdeckt.
Nicht auf der Schulter. Nicht an der Taille. Am Ärschel.
Und plötzlich hatte unser Abend eine Handlung.
Draußen sank das Licht über Plau am See. Gold legte sich auf Gläser, Holz und Wasser. Kerzen gingen an, die letzten Farben des Tages spiegelten sich irgendwo zwischen Tischkante und Horizont.
Dieser Abend gehört zu unserem Aufenthalt im Fackelgarten Plau am See. Doch während der große Erfahrungsbericht von Zimmer, Lage, Frühstück und mehreren Tagen am Wasser erzählt, verdient dieses Abendessen seine eigene Geschichte.

Erster Satz – ein Gruß, bevor es ernst wird
Dann kam der erste Ton.
Kein großer Auftritt. Ein Gruß aus der Küche.
Klein, fein, genau richtig, um den Gaumen aus dem Alltag zu holen. Dazu kräftiges Brot mit dunkler Kruste – kein Hauptdarsteller, eher das Stimmen der Instrumente vor dem Konzert.
Und der Untersetzer?
Lag noch immer da.
Die Hand ebenfalls.


Zweiter Satz – Knuspern, Kimchi, Miso
Dann: Spicy Prawns.
Knuspriges Garnelentempura, Spitzkohl-Kimchi, Rucola und Miso-Mayonnaise.
Da knackte zuerst die Hülle. Dann kam die Garnele. Dann Säure, Würze, Cremigkeit, ein bisschen Schärfe und dieses kleine Kribbeln auf der Zunge, bei dem man automatisch noch einmal mit der Gabel loszieht.
Wir teilten die Vorspeise.
Was romantischer klingt, als es tatsächlich ist.
Denn Teilen funktioniert beim Essen bekanntlich nur so lange friedlich, bis nur noch das beste Stück auf dem Teller liegt.

Dritter Satz – zwei Hauptgänge, zwei Tonarten
Danach trennten sich unsere kulinarischen Wege.
Auf der einen Seite: Pasta mit gezupftem Entenfleisch, Junglauch, Trüffelbutterjus, Rucola und Parmesan.
Warm. Satt. Deftig, ohne schwerfällig zu werden.
Die Ente weich und herzhaft. Der Parmesan salzig. Der Rucola bitter genug, um das Ganze wieder einzufangen. Und darüber dieser Duft von Trüffel und Butter.

Das war keine Pasta, die gefallen wollte. Die wusste längst, dass sie gut ist.
Auf der anderen Seite: Zander.
Fast nackig.
Kein Paniermantel. Kein kulinarisches Lametta.
Ein sauber gebratenes Stück Fisch mit Schnittlauchkarotte, Stampfkartoffeln mit Nussbutter, Apfel-Meerrettichcreme und Lauchöl.
Der Zander fein und saftig. Die Kartoffel warm, erdig und cremig. Dann diese Nussbutter: tief, braun, fast karamellig.
Und schließlich der Meerrettich.
Erst Apfel. Fast lieblich.
Dann kommt die Schärfe. Nicht brutal. Nur gerade genug, dass sie einmal über die Zunge zieht und kurz in der Nase anklopft.
Wieder dieses Kribbeln.

Zwischenspiel – Weißburgunder
Zwischen Ente, Zander und Untersetzer stand ein Glas Weißburgunder.
Nicht Chardonnay, wie unsere Erinnerung zunächst behauptete. Die Rechnung war da gnadenloser als unser Gedächtnis.
Welches Weingut?
Nicht mehr rekonstruierbar.
Und vielleicht ist genau das wunderbar.
Wir haben uns Trüffelbutterjus, Nussbutter, Apfel-Meerrettichcreme und Lauchöl gemerkt – aber nicht den Namen des Weins.
Prioritäten.
Er war kühl, trocken und genau richtig zwischen all der Wärme, Butter und Würze.
Ein Schluck. Ein Bissen. Noch ein Schluck.
Keine große Weinzeremonie.
Einfach verdammt passend.
Finale – Kyrö und Kerzenschein
Irgendwann waren die Teller leer.
Die Sonne weg.
Die Kerzen dafür umso heller.
Und dann wechselte mein Mann das Instrument: vom Weinglas zum Kyrö Roggenwhisky.
Dunkler. Ruhiger. Kräftiger.
Nicht mehr als Begleiter zum Essen, sondern als Punkt dahinter.
So ein Getränk, das nicht fragt: „Was kommt als Nächstes?“
Sondern eher:
„Wir bleiben noch fünf Minuten sitzen.“
Und natürlich lag er noch da.
Unser Untersetzer.
Zwei Menschen. Eine Hand. Ein Ärschel.
Unverändert seit dem ersten Gang.
Coda – Hand aufs Herz. Oder aufs Ärschel.
Die Rechnung kam schließlich auf 107,30 €.
Was nicht darauf stand:
Abendlicht.
Kerzenschein.
Das Kribbeln nach Meerrettich.
Der erste Bissen Tempura.
Der Duft von Trüffelbutter.
Und dieser völlig unschuldige Untersetzer, der vom ersten Moment an wusste, dass Genuss vielleicht gar nicht so kompliziert ist.
Manchmal ist er fein.
Manchmal deftig.
Manchmal knuspert er.
Manchmal brennt er ganz leicht auf der Zunge.

Manchmal sitzt der richtige Mensch gegenüber.
Hand aufs Herz. Oder aufs Ärschel.
Der Rest?
Eine ziemlich verdammt leckere Symphonie.
Text und Fotografien entstanden an einem Abend im Restaurant des Fackelgartens in Plau am See. Gerichte, Getränke und der Rechnungsbetrag sind so wiedergegeben, wie sie an diesem Abend bestellt und bezahlt wurden. Keine Bewertung, kein Test, keine Auftragsarbeit.