Meine Kleidung ist kein Notruf. Hör auf, mich zu retten.

„Ist dir nicht kalt?“ – unbezahlte Temperaturkontrolle ab 40

Ich bin über vierzig. Ich besitze ein Nervensystem. Und trotzdem fragen mich fremde Omas in der Bäckerei, im Bus und an der Kasse:

„Ist dir nicht kalt, Kindchen?“

Ich trage ein Kleid, Strumpfhose, Mantel über dem Arm. Kein Schneesturm, keine Eiszeit. Nur mein Körper, mein Stil, mein Gefühl. Und doch steht da eine wildfremde Frau und macht kostenlos den TÜV für meine Temperatur.

Das ist das Absurde: Die Frage klingt nach Fürsorge, ist aber Kontrolle. Als wäre ich zu doof, um zu merken, wenn mir kalt ist. Als hätte ich mein Recht auf Selbsteinschätzung mit 40 an die Rentnerinnen-Überwachungsstelle abgegeben.

Die Klassiker im Kälte-Disneyland

„Ist dir nicht kalt?“
Übersetzung: Ich würde das nicht tragen, also musst du dich rechtfertigen.

„Kannst du in den Schuhen überhaupt laufen?“
Übersetzung: Du siehst stabil aus, aber ich hätte gern die Bestätigung, dass du gleich umknickst.

„Ist das nicht zu gewagt in deinem Alter?“
Übersetzung: Sei bitte sichtbar, aber nicht so sichtbar.

Die Wahrheit dahinter

Diese Fragen kommen selten böse gemeint. Sie kommen aus einer Generation, die gelernt hat, dass „brav“, „praktisch“ und „vernünftig“ über allem stehen. Aber gut gemeint ist trotzdem übergriffig, wenn es in meinen Körper und meine Grenzen reinregiert.

Ich weiß, wann mir kalt ist.
Ich weiß, wann mir ein Absatz zu hoch, ein Kleid zu kurz oder ein Ausschnitt zu tief ist. Und wenn ich friere? Dann ziehe ich mir etwas an. Ohne Oma-Komitee.

Memo an alle, die es gut meinen

Frag mich gern, woher mein Kleid ist.
Sag ruhig, dass dir mein Stil zu viel ist.
Aber lass die Frage, ob mir kalt ist.

Mein Körper. Mein Stil. Meine Temperatur.
Wenn jemand friert, dann sind es meistens die, die sich an meiner Freiheit stoßen.

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The Art of Feeling. Amplified.

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