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Die Unverschämtheit, vieles sein zu wollen.

Ein Essay über eine Gesellschaft, die alles optimieren möchte – sogar unsere Neugier. Und ein Plädoyer für das Unverwertbare.

Ein Essay über eine Gesellschaft, die alles optimieren möchte – sogar unsere Neugier. Über berufliche Identität, die Ökonomie der Begeisterung und das Recht auf das Unverwertbare.

Es gibt eine Frage, die erstaunlich harmlos klingt und doch eine gewisse Grausamkeit besitzt.

Nicht: Was beschäftigt dich? Was lässt dich nachts wach liegen? Wofür würdest du einen ganzen Nachmittag vergessen?

Die erwartete Antwort ist eine Berufsbezeichnung. Möglichst präzise. Möglichst verständlich. Am besten eine, bei der das Gegenüber zufrieden nicken kann.

Die fotografieren und philosophieren. Die sich für Architektur begeistern, obwohl sie nie ein Haus entwerfen werden. Die Sprachen lernen, ohne auszuwandern. Die sich mit Geschichte beschäftigen, ohne Historiker zu sein, und plötzlich etwas über Sternbilder wissen möchten, obwohl niemand danach gefragt hat.

Noch nie war Wissen in dieser Menge zugänglich. Noch nie konnten Menschen so unkompliziert in fremde Disziplinen, Kulturen und Gedankenwelten eintauchen.

Und dennoch scheint die gesellschaftliche Erwartung an den Einzelnen erstaunlich eng geworden zu sein.

Sogar das Selbst soll inzwischen eine Marke sein, deren Profil möglichst wenig Interpretationsspielraum lässt.

Was wirtschaftlich durchaus vernünftig sein kann, wird philosophisch problematisch, sobald wir beginnen, Menschen nach denselben Kriterien zu betrachten wie Produkte.

Ein Mensch darf widersprüchlich sein. Darf sich verändern. Darf etwas lieben, ohne darin besonders gut zu werden.

Hast du einen Instagram-Account? Verkaufst du deine Bilder? Könntest du Workshops anbieten? Wäre das nicht ein interessantes zweites Standbein?

Natürlich ist es nicht verwerflich, aus Begeisterung einen Beruf zu machen. Viele wunderbare Unternehmen sind genau so entstanden.

Manchmal möchte ein Mensch einfach ein altes Fenster fotografieren, weil das Licht auf dem zerkratzten Glas für einen Augenblick schöner aussieht als alles, was ihm an diesem Tag begegnet ist.

Kein Publikum. Kein Auftrag. Kein Algorithmus, der entscheiden darf, ob dieser Augenblick Aufmerksamkeit verdient.

Vielleicht liegt gerade darin eine Form von Reichtum, die unsere betriebswirtschaftlich geschulte Gegenwart kaum noch zu erkennen vermag.

Wir zeigen bevorzugt Ergebnisse. Fertige Arbeiten. Ausgereifte Fähigkeiten. Das souveräne Gesicht eines Menschen, der scheinbar nie an sich gezweifelt hat.

In diesem etwas lächerlichen Moment, in dem unsere Hände noch nicht können, was unser Kopf längst verstanden zu haben glaubt.

Wer sich ausschließlich in Bereichen bewegt, in denen er kompetent erscheint, schützt möglicherweise seinen Ruf.

Allerdings wäre es ebenso bequem wie falsch, aus jedem unsteten Menschen einen verkannten Freigeist zu machen.

Wer ständig beginnt, muss sich selten mit den Enttäuschungen des Durchhaltens beschäftigen.

Wer immer Neues entdeckt, kann wunderbar vermeiden, im Alten Verantwortung zu übernehmen.

Und wer sich auf seine Vielseitigkeit beruft, sollte gelegentlich prüfen, ob er tatsächlich Horizonte erweitert oder lediglich offene Baustellen sammelt.

Zwischen einem Menschen, der viele Welten kennenlernen möchte, und einem, der keine einzige lange genug aushält, um ihre Widersprüche zu begreifen.

Gerade deshalb braucht echte Vielseitigkeit etwas, das zunächst gar nicht zu ihr zu passen scheint:

Sondern die, einer Sache zumindest so lange gerecht zu werden, bis sie mehr offenbart als ihren ersten Reiz.

Vielleicht betrachten wir Wissen zu häufig wie eine Ansammlung voneinander getrennter Räume.

Hier die Medizin. Dort die Kunst. Nebenan die Technik. Ein Stockwerk höher die Philosophie.

Ein Körper ist nicht nur Anatomie. Er ist auch Geschichte, Gewohnheit, Angst, Erinnerung und Ausdruck.

Ein Foto ist nicht nur Technik. Es erzählt von Wahrnehmung, kulturellen Vorstellungen, Licht und dem, was außerhalb des Bildausschnitts liegt.

Eine Marke ist nicht nur Wirtschaft. Sie ist zugleich Psychologie, Ästhetik, Sprache und ein gesellschaftliches Versprechen.

Wer zwischen solchen Gebieten wechselt, kann Verbindungen bemerken, die innerhalb einer einzelnen Disziplin leicht übersehen werden.

Allerdings ersetzt diese Perspektive keine fundierte Kompetenz. Gerade dort, wo Gesundheit, Sicherheit oder das Leben anderer Menschen betroffen sind, ist fachliche Tiefe unverzichtbar.

Die produktive Zukunft gehört deshalb weder allein den Generalisten noch den Spezialisten.

Sie gehört vielleicht den Menschen, die beides miteinander ins Gespräch bringen können.

Menschen, die wissen, wann Neugier genügt – und wann Wissen Verantwortung tragen muss.

Die Richtung steht fest. Die Identität ist geklärt. Die großen Fragen sind beantwortet.

Was, wenn wir uns nicht ein Leben lang auf eine einzige Version unserer selbst reduzieren müssen?

Vielleicht entdeckt eine Unternehmerin mit sechzig ihre Leidenschaft für Archäologie.

Und vielleicht ist keine dieser Tätigkeiten die eigentliche, während die anderen bloß dekoratives Beiwerk darstellen.

Ohne ihre Vergangenheit abzulegen wie einen Mantel, der nicht länger zur neuen Garderobe passt.

Ein Leben ist schließlich kein Lebenslauf, der möglichst effizient auf eine freie Stelle zugeschnitten werden muss.

Die entscheidende Frage lautet vielleicht nicht, worin wir besonders gut werden könnten.

Wenn eine Tätigkeit keine Anerkennung verspricht und ein Interesse keinerlei gesellschaftliches Prestige besitzt.

In den Antworten darauf könnte etwas liegen, das unsere auf Leistung ausgerichtete Kultur bemerkenswert selten untersucht:

Ein Verhältnis zur Welt, das nicht auf Besitz, Beherrschung oder Verwertung beruht.

Der Bereitschaft, sich von Dingen berühren zu lassen, die keinen unmittelbaren Zweck erfüllen.

Dazu brauchen wir weder die Abschaffung von Expertise noch eine romantische Verklärung des Amateurhaften.

Wir brauchen lediglich wieder Platz für Interessen, die sich nicht rechtfertigen müssen.

Für Menschen, die nicht überall Experten sein wollen, aber dennoch überall etwas entdecken können.

Denn ein Leben gewinnt seine Tiefe nicht ausschließlich dadurch, dass man immer weiter in dieselbe Richtung gräbt.

Manchmal entsteht sie auch, indem man erkennt, wie viel jenseits des eigenen Horizonts noch verborgen liegt.

Die Unverschämtheit, vieles sein zu wollen — Essay | RE:BELLE™ Journal

RE:BELLE™ Journal · Kultur & Gesellschaft · Essay

Die Unver­schämtheit, sein zu wollen.

Über eine Gesellschaft, die alles optimieren möchte – sogar unsere Neugier.

6. November 2026 · 9 Min. Lesezeit

Der Mensch als Stellen­beschreibung

Die Ökonomie der Begeisterung

Die gefährliche Romantik der Vielseitigkeit

Was zwischen den Disziplinen wächst

Die Freiheit, sich nicht endgültig zu definieren

Ein Plädoyer für das Unverwertbare

Die Welt ist zu groß, um sich selbst auf eine einzige Antwort zu reduzieren.

Und ein Mensch zu vielschichtig, um nur eine Berufsbezeichnung zu sein. 🖤

Dieser Essay ist ein eigenständiger redaktioneller Beitrag von RE:BELLE™ Media. Den gedanklichen Anstoß gab Jay Millers philosophischer Essay „In praise of the dilettante“ , veröffentlicht bei Aeon . Darin untersucht Miller den Dilettantismus als eine von Neugier, ästhetischer Freude und geistiger Beweglichkeit geprägte Lebenshaltung.

Der vorliegende Beitrag entwickelt daraus eine eigene Perspektive auf berufliche Identität, die Ökonomisierung persönlicher Interessen und das Verhältnis zwischen Vielseitigkeit und Verantwortung.

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